Fotoessay
«Ein Recht auf Abtreibung?»
Dieses Banner erzählt die Geschichte der 16-jährigen Marie-Claire, die in Folge einer Vergewaltigung schwanger war. Sollte sie (und vor allem das Kind) ein Leben lang unter den Folgen der Vergewaltigung Leiden? Oder hatten sowohl Mutter als auch das Kind ein Recht auf Abtreibung?
Diese Frage alleine könnte für hitzige Diskussionen sorgen, doch der Nachmittag des 8. April war noch aus anderen Gründen brisant.
Die religiös-motivierte Gruppe SOS Tout-petits hatte eine Veranstaltung in der Kathedrale St. Etienne angemeldet, um durch Gebete gegen Verhütung und Abtreibung zu protestieren. Der Präsident dieser Vereinigung, Xavier Dor, hat mittlerweile über 100 Aktionen (wie sie aus den USA bekannt sind) gegen Einrichtungen geleitet, die Abtreibungen durchführen oder damit zu tun haben (Beratung, etc.). Viele Male stand er dafür vor Gericht, flüchtete 1997 sogar in die Nuntiatur in Paris, in der er politisches Asyl beim Vatikan beantragt hatte.
Immer wieder erfährt seine Vereinigung dabei die Unterstützung kirchlicher Organisationen. Dazu kommt, daß SOS Tout-petits auf örtlicher Ebene von der rechtsextremen Front National unterstützt wird. Als Sprachrohr dienen reaktionäre religiöse Medien wie die Zeitschrift Monde et Vie oder der Sender Radio Courtoisie.
Xavier Dor saß bereits mehrmals in Untersuchungshaft, rechtskräftig verurteilt wurde er jedoch nie.
Eine feministische Vereinigung hatte zur Gegendemonstration aufgerufen und bereitete die Demonstranten durch das Verteilen von Masken vor. Unterstützt wurden sie von Schülern und Studenten, welche ohnehin anläßlich des Erstanstellungsvertrages (CPE) mobilisiert und wegen der gegen sie angewandten Gewalt zwei Tage zuvor (dazu später mehr) besonders motiviert waren.
Als die Mitglieder der SOS Tout-petits aus der Kirche traten, wurden sie umgehend von der Menge der Gegendemonstranten umstellt. Einige Abtreibungsgegner (Bildvordergrund) wandten sich daraufhin angewidert ab. Ohne Unterlaß wurden Parolen gerufen, wie zum Beispiel "un droit,un choix, notre liberté!".
Während die Menge noch immer die Abtreibungsgegner umstellte, näherten sich Mannschaftsbusse der Polizei, welche hinter der Kirche parkten. Die zwei sahen sie dann zuerst und wußten, was dies bedeutete.
Ein Zug der Compagnie républicaine de sécurité (CRS), einer Sondereinheit der Police National, welche wiederum ein Relikt des Vichy-Regimes ist, näherte sich und begutachtete die Lage. Umgehend halfen sie den Abtreibungsgegnern und brachten sie in Sicherheit. Daraufhin stellten sich die Polizisten zwischen die Demonstranten und die Gegendemonstranten.
Im Bildhintergrund ist die SOS Tout-petits-Gruppe bei der Beratung des weiteren Vorgehens zu erkennen. Nachdem die Lage unter Kontrolle war, schaffte die CRS aus den Mannschaftswagen Ausrüstung heran und die Polizisten hielfen sich gegenseitig dabei, die Monturen anzulegen.
Das weitere Vorgehen der SOS Tout-petits-Mitglieder drückte sich in einem Niederknien zum Gebet aus. Während des Gebetes skandierten die Abtreibungsbefürworter über die menschliche Barrikade der Polizei hinweg gegen die Betenden und bewarfen diese mit Eiern sowie der einen oder anderen Ananas.
Die Lage spannte sich, die Abtreibungsbefürworter drückten verliehen ihrem Unmut Ausdruck. Immer wieder machte die Polizei klar, daß sie auf alles gefaßt war. Deutlich waren Schlagstöcke, Schilde, sowie Tränengas und Pfefferspray zu sehen. Zwei Tage zuvor hatten die französischen Polizeikräfte ihrer Reputation alle Ehre gemacht, als sie gegen den Erstanstellungsvertrag (CPE) protestierende Schüler und Studenten gewaltsam von den Gleisen des Bahnhofs der Stadt Toulouse räumten, wobei es zu teilweise schweren Verletzungen kam.
Doch davon ließen sich die Gegendemonstranten nicht beeindrucken: Sie bildeten nun eine Kette und näherten sich in kleinen Schritten Zentimeter für Zentimeter den Ordnungskräften.
Im Schutz der Polizisten wurde indes weiterhin gebetet (Bildhintergrund). Im Zentrum der Kritik stand ebenfalls Papst Benedikt XVI, als "Papst der Intoleranz und der Unterdrückung" und somit als Beschützer von Vereinigungen wie SOS Tout-petits.
Die Organisatoren versuchten, die Menge zu beruhigen, doch diese näherte sich weiter den Polizisten. Die Gegendemonstranten riefen mittlerweile "Eure Zeit ist um!", da wortwörtlich die von den Behörden genehmigte Zeit für die Veranstaltung der Abtreibungsgegner abgelaufen war.
Die Menge wurde nun fast übermütig und versuchte, die Polizei durch Ausfallschritte zu provozieren.
Die Polizei ließ jedoch keine Eskalation zu. Dies lag zum einen an den Erfahrungen der Räumung des Bahnhofs zwei Tage zuvor, als das Vorgehen der Polizei für negative Presse gesorgt hatte, zum anderen daran, daß die Zeit für die SOS Tout-petits tatsächlich abgelaufen war.
Die Polizei bat nun die noch immer auf ihren Knien betende Gruppe, die Veranstaltung aufzulösen. Diese weigerten sich zu Beginn und gingen erst, nachdem die Polizei einige von ihnen unter Jubel der Gegendemonstranten vom Gelände getragen hatte.
Durch diese Szenen beflügelt gingen die Gegendemonstranten erneut in die Offensive. In einer Menschenkette gingen sie Zentimeter für Zentimeter nach vorn, während die Polizisten erst zurückwichen, sich dann jedoch an einer engen Stelle des Geländes sammelten, um die Abtreibungsgegner in Ruhe gehen zu lassen.
So ließen sich die Polizisten auch Aufkleber der Abtreibungsbefürworter auf ihre Schilde kleben. Und wie steht es um die Abtreibung in Frankreich? Als Folge des als "procès de Bobigny" bekannt gewordenen Prozesses bezüglich der illegalen Abtreibung im eingangs erwähnten Fall der 16-jährigen Marie-Claire im Jahre 1972 setzte sich eine öffentliche Diskussion in Gang. Die Interruption volontaire de grossesse (frz. für Schwangerschaftsabbruch) ist bereits seit über 30 Jahren (seit dem 17. Januar 1975 legal. Interessanterweise ist die Korrelation von lockeren Abtreibungsgesetzen zur Abtreibungsquote eher gering, wie die Beispiele der Schweiz und der Niederlande zeigen. Stattdessen werden in Ländern mit restriktiven Gesetzen sowie einer starren religiösen oder sozialen Sexualmoral weitaus mehr Abtreibungen durchgeführt, insbesondere, da Verhüzungsmittel nur schwer erhältlich sind. Da die Abtreibung in den betroffenen Ländern meist illegal ist, werden die Abtreibungen heimlich durchgeführt, was wegen der schlechteren medizinischen Versorgung weitaus mehr Risiken mit sich bringt.
Nach Schätzungen der WHO sterben weltweit jährlich 70.000 Frauen an den Folgen von Komplikationen eines illegalen Schwangerschaftsabbruchs.
Ob die Polizisten diese Argumente kannten, ist nicht überliefert. Jedenfalls schienen sie erleichtert, als die Abtreibungsgegner evakuiert waren und sie sich im rückwärtigen Gänsemarsch zurückziehen konnten.
Auf dem Kirchplatz blieben die jubelnden Aktivisten zurück.